Fast 1000 Kilometer Piste, Höhenherausforderungen und Pastelllandschaften

Wir glauben, es darf schon als speziell bezeichnet werden, wenn man unvermittelt auf bisher unbekannte Menschen trifft, die auch reisen und mit denen man dann am nächsten Tag sage und schreibe 12 Stunden verbringt, um Reise- und Lebenserfahrungen auszutauschen. So geschehen mit Harald und Elvira. Das passt.

 

Wir erhalten unsere Wäsche wohlriechend zurück, müssen uns aber von Criss der Wäscherin, die hier jeden Tag vorbeikommt und fragt, ob man Kleider zum Waschen hat, noch den Frust über die argentinischen Politiker und die Folgen für das Land anhören. Dies ist nicht das erste Mal, wo wir auf ein kleines Stichwort die Frustration und Enttäuschung der Argentinier hören. Und alle sind der Meinung, dass es eigentlich keine Rolle spielt, wer im Oktober neuer oder alter Präsident wird. Es wäre ein Mehrgenerationenprojekt, Argentinien dorthin zu bringen, wo es eigentlich auf Grund seiner Ressourcen hingehört. No hope.

 

Am Morgen unserer Weiterreise wollen wir noch einkaufen. Aber alle Supermärkte und viele Läden sind geschlossen. So erfahren wir, dass heute «Dia del Commercio» ist, also etwa «Tag des Detailhandels». (Dieser Feiertag ist national!) Kleine Tante Emma Läden nutzen dies und sind den ganzen Tag geöffnet. So verhungert niemand.

 

Dass offenbar Feiertag ist, merken wir auch bei einem kurzen Besuch in der Innenstadt Saltas. Wir reden beim Kaffee kurz mit anderen Gästen – auch Detailhändler – die zu diesem verlängerten Wochenende offenbar durch das halbe Land hierhergereist sind.

 

Salta hat aus unserer Sicht ausser zwei schönen Kirchen wenig zu bieten und wir verstehen die offizielle Bezeichnung «Salta – la linda», «Salta - die Schöne» nicht.

 

Die kürzeste Verbindung nach Jujuy führt auf einer sehr schmalen, gewundenen Strasse über einen Pass und dabei ändert sich die Vegetation schlagartig. Wir sind in den Yungas, quasi den östlichen Abhängen der Anden und das bedeutet Bergnebelwald. Plötzlich üppigste Vegetation und Feuchtigkeit, wie wir sie bisher in Argentinien nicht angetroffen haben.

 

In Jujuy läuft am nächsten Tag natürlich wieder alles rund, ausser, dass wir trotz nun geöffneten Läden zunächst weder Gaskartuschen noch Brennflüssigkeit für den Vergaserkocher finden können. Für die Gaskartuschen müssen wir uns ja jeweils in Eisenwarenhandlungen umsehen und bei der Brennflüssigkeit handelt es sich um ein Lösungsmittel aus dem Malerfachhandel. Etwa beim dritten Malerfachhandel werden wir fündig, die Eisenwarenhandlungen lassen uns dieses Mal im Stich.

 

 

EXKURS:

 

Das Suche/Finde Spiel läuft jeweils in etwa so: «Nein, haben wir leider nicht, aber geh mal zu dem. Drei Blocks weiter, dann zwei Blocks rechts, dann bei der Ampel links und ein Viertel Block weiter auf der linken Seite. Der hat das vermutlich.» Und das Ganze im Stadtverkehr mit Schachbrettmuster und den entsprechenden Einbahnstrassen. Und Parkplätze sind eh Mangelware. Theres macht dann jeweils die Navigation (…wenn wir uns das alles merken konnten. Ansonsten Google Maps…) und Tom würgt sich durch den Verkehr. Da sind rasch zwei Stunden rum.

Quebrada de Humahuaca

 

Von Jujuy nordwärts fahren wir in die Quebrada Humahuaca, ein Weltkulturerbe. Die Quebrada ist eine Kulturlandschaft, die seit tausenden von Jahren bewohnt und bewirtschaftet wird. Links und rechts des Talbodens wieder Gesteinsformationen in den verschiedensten Farben und Formen an den Hängen. Nach einem Zwischenstopp in Purmamarca – touristisches Ausflugziel von Salta und Jujuy - erreichen wir Humahuaca, wo wir uns mit zwei Übernachtungen auf 3000m für grössere Höhen akklimatisieren wollen. Den Tag dazwischen nutzen wir für einen Ausflug auf 4300m zu El Hornocal, dem «Berg der vierzehn Farben». Eine Touristenattraktion in dieser Gegend.

 

Wir lassen die Quebrada hinter uns und nähern uns schon der bolivianischen Grenze. Bei Abra Pampa verlassen wir nach letzten Einkäufen den Asphalt. Es liegen fast 1000 Kilometer Piste vor uns und damit auch die Puna, das Hochland Argentiniens. Wir füllen alle verfügbaren Dieseltanks und nehmen zusätzliches Trinkwasser in einem Schweizer Armee Wassersack an Bord

Die Puna

 

Unser erstes Ziel ist die Laguna de los Pozuelos, wo sich bis zu 250'000 Vögel, viele davon Flamingos, aufhalten sollen. Wir können nach Anmeldung beim Parkwächter mit dem Auto bis zwei Kilometer ans sehr flache Ufer der Lagune fahren, rüsten uns mit dem nötigen Fotomaterial aus und marschieren los in Richtung Ufer. Als wir am Ufer ankommen, sind die Vögel natürlich immernoch weit weg. Aber mit dem grossen Teleobjektiv gelingen Theres trotzdem ein paar Bilder von den vielen Flamingos. Nach dem Rückmarsch gilt unser Fokus dem Suchen eines Übernachtungsplatzes, der möglichst nicht viel höher liegt als die Laguna auf 3600m. Wir werden auf 3780m fündig und stellen am nächsten Morgen fest, dass wir wesentlich schlechter schlafen als auf 3000m.

 

Dann biegen wir auf die R40 ein (als «La Quarenta» in Argentinien ein Begriff für Fernweh und Traumstrasse, weil sie ja von ganz im Süden bis an die bolivianische Grenze führt) und fahren wiedereinmal gegen unsere eigentliche Reiserichtung «Nord» nach Süden. Wir durchfahren spektakuläre «Wow-Landschaften», völlig allein, nur selten mal ein Fahrzeug, das uns kreuzt. Wir sind so nahe an der bolivianischen Grenze, dass die Handys automatisch die Zeit umgestellt haben.

 

Die zweite Nacht verbringen wir auf 4000m. Leider sind wir schon an einer Minenstrasse, wo öfters ganze Konvois von Sattelschleppern, die die Minen versorgen, vorbeikommen. Mit dem Schlafen geht’s nicht besser und auch die Verdauung scheint auf die Höhe zu regieren. Wir müssen tatsächlich dreimal in dieser Nacht raus in die Kälte…

 

Daher müssen wir unsere Pläne etwas anpassen. Interessanterweise sind alle Dörfer hier so um 3700m gelegen und keines über 4000m. Um möglichst «tief» schlafen zu können in dieser Region, müssen wir uns also an den Dörfern orientieren. Und die haben weder Campingplätze noch für uns akzeptable Stellplätze. So entscheiden wir uns in Susques und in San Antonio de los Cobres für eine Hotelübernachtung. Der Schlaf wird etwas besser.

 

Die Fahrt dorthin ist einerseits geprägt von immer wieder neuen, eindrucksvollen Landschaften und andererseits von der Minenindustrie. Die Minenbetreiber haben die Auflage, für den Strassenunterhalt zu sorgen und weil da Pickup Trucks und Sattelschlepper durch müssen, führt das im Allgemeinen zu breiteren Strassen mit weniger Wellblech.

 

Nach Susques gönnen wir uns eine Stunde Asphalt, um zu den Salinas Grandes, dem grössten Salzsee Argentiniens, zu gelangen, der natürlich im Vergleich zum Salar de Uyuni in Bolivien ein Tümpel ist. Dennoch können wir hier ein erstes Mal die traditionelle Salzgewinnung besichtigen. Aber fast auffälliger sind die Protestplakate der lokalen, indigenen Bevölkerung gegen den Lithium Abbau, der die Grundwasser- und somit Trinkwasserreserven dieser Menschen bedroht.

 

Kurz hinter San Antonio de los Cobres steht auf 4200müM das Bahnviadukt Polvorilla, des einst bekannten «Tren a las Nubes», mit welchem man die Anden überqueren konnte. Das Spezielle dieses 64 Meter hohen Bauwerks ist, dass es von Eiffel konstruiert wurde und somit dem Eiffelturm in Paris in Nichts nachsteht. Heute sind nur noch 12 Kilometer der Bahnstrecke ab San Antonio in Betrieb und es ist reine Touristenattraktion (oder -Abzocke). Die Touristen werden mit einer mehrstündigen Busfahrt von Salta hierher geschafft für 24 Kilometer Zugfahrt. Danach mit dem Bus zurück.

 

Auf Grund unserer Erfahrungen mit der Verträglichkeit der Höhe kürzen wir unser Puna-Programm leicht ab. Trotzdem fahren wir auf der R129 über die Abra de Gallo (4630m) nach Pocitos (Minendörfchen). In Santa Rosa de los Pastos Grandes können wir sogar noch Brot einkaufen. In Pocitos finden wir Unterschlupf in einer Kiesgrube, die uns genügend Windschutz bietet, um bei aufgestelltem Dach schlafen zu können.

 

Am nächsten Tag unternehmen wir einen letzten Ausflug in dieser Gegend, bevor wir die argentinische Puna verlassen. Wir fahren durch die fantastischen Colores/Desierto del Diablo vorbei an den Ojos de Mar (Wasserlöcher im Salzsee) nach Tolar Grande (von der Minenindustrie geprägt). Die verlassene Bahnlinie führt auch nach Tolar Grande, auf der Passhöhe auf 4050m besuchen wir die Überreste des verlassenen Bahnhofs.

 

Dann der Abschied von der argentinischen Puna: Letzte 100 Kilometer Piste, vorbei an Lithium Minen und dann auf Asphalt in Richtung Paso de Jama. Eigentlich wollten wir hier noch unsere letzten Pesos in günstigen Diesel umwandeln, aber die Tankstelle an der Grenze hat im Moment keinen. Zum Glück haben wir noch unsere beiden vollen Kanister, so dass wir nachfüllen können. Die Pesos werden in unseren Lieblings-Orangensaft und KitKats investiert.

Paso de Jama

 

Dieser Grenzübergang liegt auf 4200m. Und weil es ein «Paso» ist, gehen wir natürlich davon aus, dass es ein Passübergang ist. Auf der einen Seite hoch und hinten hinunter. Nicht ganz hier: Nach der Grenzkontrolle steigt die Strasse kontinuierlich an. Zuerst auf 4400mm, später zweimal auf bis zu 4800m und es sind 150 Kilometer Niemandsland zu durchqueren, welches aber noch einmal Landschaften nahe der Surrealität zu bieten hat. Die Landschaft wird wüstenhaft; halt ein Teil der Atacama, die wir hier durchqueren. Bei den Fotostopps, die hier einfach sein müssen, ist nur der mit rund 80-100 Stundenkilometern wehende Gegenwind hinderlich. Bei Böen können wir die Autotüren fast nicht aufdrücken. Dazu kommt, dass die Motor-Ruckler, die sich in dieser Zeit im Hochland bemerkbar gemacht haben, nun immer öfter auftreten und uns ein bisschen nervös machen. Wäre nicht schön, wenn wir hier stehenbleiben würden und übernachten müssten. Dann endlich kommen die Laguna Verde und Blanco – bereits in Bolivien – in Sicht, die auch den Punkt markieren, wo die Strasse endlich und definitiv nach San Pedro de Atacama abfällt und wir somit das Hochland verlassen.

San Pedro de Atacama

 

Vor 33 Jahren waren wir ja mit dem Velo hier und schon damals galt SPDA als Backpacker Hotspot, wo man einfach vorbeimusste. Vielleicht ist es die Faszination des Wortes «Atacama», welches hier zur Reisemystik beiträgt. Jedenfalls fällt uns bei der Einfahrt nach SPDA (übrigens nur noch auf rund 2500m) rasch auf, dass wir hier auf eine kommerzialisierte Welt treffen, die nicht mehr unsere ist.

 

Eigentlich wollten wir gleich noch ein paar Erledigungen machen, aber wir drehen schnell um und fahren zum Campingplatz der Overlander, rund acht Kilometer südlich des «Touristendorfes».

 

Per Taxi kehren wir anderntags zurück für ein paar gezielte Einkäufe. In der Fussgängerzone reiht sich ein Exkursionsanbieter an den andern und jeder bietet letztlich dasselbe an. Und dann die Bars, Restaurants und Souvenir-Shops. Offen wird einem gesagt, dass hier die höchsten Preise von ganz Chile verlangt werden. An die europäische, amerikanische und asiatische Kaufkraft angepasst.

 

Und wir finden auf Grund eines Bildes von vor 33 Jahren auch den damaligen Mini-Kiosk, bei dem Tom damals etwas eingekauft hat. Heute eine Exkursionsagentur. Aber wir machen ein neues Bild.

 

Auf dem Campingplatz fast ausschliesslich deutschsprachige Europäer, die hier dem Trubel entgehen und ein paar ruhige Tage verbringen wollen.

 

Für uns geht es weiter an die Pazifikküste und dann nordwärts bis an die peruanische Grenze, bevor wir wieder südwärts ins Hochland Chiles gehen. Doch dazu später.

vor 33 Jahren:

heute: