Pyrenäen: „Cruise and Bike“ von Andorra zum Atlantik

 

Eigentlich begann es mit ein paar Fehlstarts: Als erstes musste ich feststellen, dass es mir trotz mehrmaligem Check der Mitnahmeliste nicht gelungen war, ein kompatibles USB Kabel (gross/klein) einzupacken, damit das Garmin GPS mit dem Navigations-PC verbunden werden konnte. Das gibt’s aber heute zum Glück in jedem normalen Supermarkt und somit auch am Startpunkt unserer Offroad Reise in Puigcerda in den spanischen Pyrenäen. Zweimal ums ganze Dorf gefahren, keinen Supermercado gefunden und nicht mal eine Hinweistafel. Also nochmals über die Grenze zurück nach Frankreich, wo wir zuletzt an einem vorbeigefahren waren.

 

Weiter ging‘s damit, dass wir über USB Kabel nun das GPS Signal auf die Navigationssoftware übertragen konnten; nur interessierte das die Software nicht. Sie meldete zwar „online“, zeigte aber weder die aktuelle Position, noch war sie in der Lage, die gefahrene Route als Track aufzuzeichnen. Unser Backup Team in der Schweiz konnte uns da per SMS Kontakt auch nicht helfen.

 

OK, dann eben mehr „Handarbeit“ beim Navigieren und keine permanente Track Aufzeichnung.

 

Dann geht‘s aber doch noch los: Reifendruck reduzieren, Fahrwerk zwei Stufen weicher einstellen und hinteren Auffahrschutz hochklappen für optimalen Böschungswinkel.

 

Erster Versuch ist eine Route aus dem Toyota Guide für Spanien. Ganz sanft für den Anfang und hinein in den Nebel. Bald schon ein Schild: „Wegen Bauarbeiten gesperrt.“ Versuchen wir mal. Ein Offroader kommt vielleicht durch und sonst fragen wir die Bauarbeiter, ob sie uns durchlassen, statt hier nochmals einen Fehlstart verbuchen und ein Dutzend Kilometer zurückfahren zu müssen. Auf frisch gewalzter Naturstrasse – wir nennen es Offroad Autobahn – können wir passieren. Locker, die Spanier.

 

Als Theres nach knapp zwei Tagen feststellt, dass wir immer noch östlich von Andorra rumfahren, wo wir doch eigentlich gesagt haben, dass wir von Andorra aus westwärts unterwegs sein wollten, muss ich meinen „Fahr-Plan“ umstellen und etwas Neues anbieten: Die Sierra de Boumort. Hier ist auch der erste fahrerische Leckerbissen: Die zum Teil sehr steile Auffahrt (Stichstrasse) zum verlassenen Dorf Senyus. So verlassen ist es zwar mittlerweile nicht mehr, denn die Rückkehrer bauen sich aus den verfallenden Häusern neue Ferienresidenzen. Abends auf dem Pass schaffen wir es nur knapp aus dem Nebel und die Nacht durch nieselt es. Haben wir Sommer oder was?

 

Am nächsten Morgen soll’s auch mit den Mountain Bikes losgehen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Einer von uns zwei fährt den Toyota und jemand geniesst die frische Luft auf dem Bike, oder wir lassen das Auto irgendwo (bevorzugt auf einem Campingplatz) stehen und fahren gemeinsam eine Runde. Nach dem Biken duschen zu können wäre auch noch schön. Das kann aber auch ein Bad in einem Bergbach sein. Kein Problem.

Eigentlich will Theres das Mountain Bike für eine erste Downhill Fahrt vorbereiten: Runter vom Boumort Pass. Doch dazu kommt es vorerst nicht, denn kaum ausgestiegen, sind wir von einer Herde blökender Schafe umringt.

 

Ein Hirte oder Hunde sind nirgends zu sehen, an der Bergflanke drüben strömen sie aber weiter zu Dutzenden im Galopp zu uns herunter, vermutlich in der Meinung, wir seien jemand der Futter (Salz?) mitbringt. Jedenfalls lassen sie es kaum zu, dass wir fotografieren und filmen und halten unsere Geräte für Futter, indem sie danach schnappen. Nun wird’s aber schon etwas ungemütlich, denn mittlerweile stehen der Toyota und wir in einer Herde von grob geschätzt 200-300 Schafen; das Geblöke ist beträchtlich laut. Wir wehren sie soweit ab, dass sie uns nicht gerade die Kameras ablecken oder mit der Schnauze in den Hosensack hinein schnaufen. Ansonsten ist Gelassenheit gefragt. Irgendwann werden sie es gesehen haben und wir werden uninteressant. Ein bisschen Platz kann ich schaffen durch einen kurzen Hupstoss. Bald beginnen die Leittiere das Interesse zu verlieren und die Herde konzentriert sich wieder auf das spärliche Gras und nicht mehr auf uns.

Dann verschwindet Theres „downhill“. Tatsächlich braucht es wenig, bis das Bike schneller bergab fährt als der Offroader. Macht nichts, wir haben beide ein PMR Handfunkgerät dabei und werden uns wieder treffen – sobald es eine kleine Gegensteigung gibt…

Gut, manchmal gibt es ein Spezialangebot bei dem sie sich an den Toyo hängt, um über den nächsten Buckel zu kommen.

Nach über zwanzig Kilometern in diesem Reisestil wird das Bike wieder aufgeladen und wir fahren weiter zur nächsten Offroad Route.

Um zum Espot Kamm auf rund 2000müM zu gelangen, führt die Schotterstrasse über zehn Kilometer in zum Teil steilen, engen Kehren bergauf. Aber wie’s halt so ist: Auch hier kommen einem tiefliegende, zweiradgetriebene Limousinen entgegen; im Schritttempo um die Ölwanne an den aufstehenden Steinen vorbei zu manövrieren.

Die eigentliche Kammstrasse und die Abfahrt nach Espot gehören dann mir zum Biken. Tags darauf durchfahren wir auch die Täler nördlich des Val d‘Aran in diesem Stil. Zum Duschen dient ein kalter Bergbach.

Wir fahren südwärts weg vom Hauptkamm der Pyrenäen wo es bald wieder sehr trocken und staubig ist. Sierra Landschaft eben. Wieder eine Möglichkeit zum Biken. Ich gebe Theres den Vortritt und geniesse das Dahin-Gleiten in gemütlichen Tempo im Landcruiser und später ein paar kleine fahrerische Herausforderungen – Theres ist auf dem Bike schon lange entschwunden.

Abends sind wir auf dem Campingplatz von Puebla de Roda, der von Offroad- und Endurofahrern immer gern als Ausgangspunkt für ein paar spannende Touren genannt wird. Uns hat’s zu viele holländische und deutsche Zelttouristen. Gleichgesinnte finden wir nicht. Kein Grund also, hier länger zu bleiben. Lieber wieder eine Nacht draussen in der Natur. Doch zuerst geht’s noch – vor dem Frühstück - mit den Bikes auf die Flusspisten-Tour. Es scheint zur Tradition zu werden (wie auf der Burgund Tour), dass unsere lockeren „Appetizer-Touren“ zu ausufernden Ausflügen, gespickt mit Spezialitäten (Plattfuss am Bike von Tom, barfuss Furten des Flusses) ausarten. Umso mehr geniessen wir das Frühstück und die Dusche bevor wir den Campingplatz mittags verlassen. Nach spannenden Offroad Kilometern in der Region um Merli (Gänsegeier, verlassene Dörfer, wechselnde Pistenverhältnisse) finden wir einen herrlichen Stellplatz am Bergkamm mit direkter Sicht auf den dominanten Berg „Turbon“. Nach Donnergrollen in der Ferne beobachten wir abends den Himmel intensiv und fragen uns, ob uns wohl noch ein Gewitter bevorsteht. Es bleibt aber trocken. Wir geniessen eine ruhige Nacht weit ab der Zivilisation.

 

Nun geht’s auf den „Turbon“ mit dem Toyota; oder zumindest soweit hoch wie die Schotterstrasse führt. Endlich sind die steilen Kehren geschafft. Beim Refugio steht schon ein Suzuki Vitara und zwei Wanderer machen sich auf den Weg ganz zum Gipfel, der noch etwa eine Marschstunde entfernt ist. Bereits hier ist die Aussicht auf 270 Grad herrlich und im Rest steht der „Turbon“ vor uns. Von hier aus können wir auch unseren Lagerplatz von letzter Nacht erkennen.

Was heisst es wohl, wenn im Enduro Führer von MDMOT ein Schwierigkeitsgrad 2-5 angegeben ist? Nichts anderes, als dass wir zuerst eine leichte Schotterstrasse befahren, die immer enger wird und deren Durchfahrtshöhen immer tiefer. So verheddern wir uns mit den Lenkern unserer Bikes, die über die Dachkante vorstehen, immer öfter in den Bergföhren und andern Bäumen, die tief über den Weg wachsen. Theres fährt zuweilen hunderte von Metern auf dem Dach mit, um die Äste über die Bikes zu lenken. Ich bewege den Landcruiser zum Teil zentimeterweise vorwärts, um sie nicht vom Dach zu wischen. Es ist klar, wir haben wieder einmal die kleinstmögliche Strasse für unseren Offroader gefunden. Es kratzen und schleifen Hagebutten- und Brombeerstauden an den Seiten des Autos. Eine Föhre hat sich schräg über den Pfad gelegt und wir müssen sie zersägen um den Weg frei zu machen. Die letzten Kilometer sinkt die Strasse auf teils steilen Felsplatten ab. Jetzt ist klar, warum Schwierigkeitsgrad 5. (Wobei das Rating des Führers für Enduro Motorräder gemacht ist; für Offroader würde ich es 3-4 einschätzen.)

Im Abendlicht schaffen wir es noch zum Startplatz der Gleitschirmpiloten hoch über Castejon de Sos und können ein paar Starts mit Passagieren beobachten, bevor der Downhill wiederum Theres auf dem Bike gehört.

Über den Sahun Pass, der auf der Ostseite zur Zeit stark ausgebaut wird, gelangen wir nach Plan (so heisst der Ort) und fahren bis zuhinderst ins Tal, welches uns doch sehr schweizerisch anmutet und den Alpen in nichts nachsteht. Der Bergbach motiviert uns zum Baden und frisch machen.

Wir wollen aber nicht schweizerische Landschaften in Spanien sehen sondern eben andere. So heisst unser nächstes Ziel: Sierra de Guara. Auf der ersten Piste fahren wir noch ausserhalb des Naturparks nach ein paar Kilometern an eine Schranke und müssen umkehren. Unsere 1:40‘000 Wanderkarte zeigt alle topografischen Details und auch verschiedene Kategorien von Pisten. Wir hoffen, da keine Absperrungen auf der Karte markiert sind, dass wir zumindest die grösseren befahren können. Doch die Enttäuschung ist gross, als wir im Park auf einer gut ausgebauten Schotterstrasse nach ein paar Kilometern (Warum nicht gleich am Anfang der Piste?) auf eine weitere Schranke stossen. Nach ein paar Minuten steht ein Landrover Defender der Parkverwaltung bei uns und wir fragen, was denn eigentlich geht. Gar nichts mit dem Auto, ausser wir steigen auf die Bikes um. Das passt uns aber nicht, und da es auch kein Camping gibt, müssen die Pisten des Naturparks vergessen.

Etwas frustriert zweigen wir von der Hauptstrasse nördlich des Parks ab um einen Standplatz für die Nacht zu finden. Und siehe da, hier steht der Santana PS10 (Spanische Lizenzversion des Landrover Defender) von Marc und Valérie aus Toulouse. Als wir langsam näher fahren kann sich Marc gerade noch ein Badetuch um die Lenden schwingen. Bald erklärt er uns, dass er eben Naturist sei. Wir packen unser leidliches Französisch aus und fachsimpeln natürlich über „Randonné à 4x4“. Sie laden uns spontan ein, uns neben sie zu stellen. Wir möchten aber lieber noch etwas aus dem Talboden hinaus auf eine Anhöhe mit Ausblick. Solche Plätze ziehen wir vor, auch wenn sie kaum „fliessend Wasser“ haben. Wir geniessen einen herrlichen Sonnenuntergang; der aufkommende Wind zwingt uns aber, unsere etwas exponierte Position noch zu verlassen und weiter unten einen geschützteren Ort für eine ruhige Nacht zu finden. Am nächsten Morgen kommen wir nochmals bei Marc und Valérie vorbei und verabschieden uns. Ist schon super, wenn man in Toulouse wohnt und so kurze Anfahrwege hat, um Offroad Pisten zu geniessen. Die beiden schwärmen uns auch von Portugal vor, wo es noch besser sei als in Spanien, während sie bestätigen, dass in Frankreich alles gesperrt und auch sonst alles verboten sei.

 

Um die Bardenas Reales durchfahren zu können, müssen wir auf einem Campingplatz direkt neben der Hauptstrasse schlafen, weil Campieren in den Bardenas – eine Biosphärenzone – verboten ist. Etwas unausgeschlafen wegen des nächtlichen Verkehrslärms machen wir uns auf den Weg. Na ja, es ist ja schon erstaunlich, wie wüstenähnlich sich die Landschaft hier auf einer begrenzten Fläche präsentiert. Was aber das Pistenfahren oder die fahrerische Herausforderung betrifft, sind die Bardenas eine Enttäuschung. Man fährt halt seine Runde durch das Gebiet, macht ein paar Fotos. Das war’s. Wir können es nicht wirklich weiterempfehlen.

 

Da wir für Sierra de Guara und Bardenas weniger Zeit brauchten als angenommen, bleiben uns noch ein paar Tage, wo wir neue Pläne verfolgen können. Es zieht uns eben doch wieder zurück in die Berge, die so weit im Westen der Pyrenäenkette bereits nicht mehr so hoch sind. Und dann wollen wir die Reise zu einem sinnvollen Abschluss bringen: Wir wollen sehen, wie die Bergkette im Atlantik bei San Sebastian versinkt.

 

Auf dem Weg dorthin hat die Navigatorin einen Aussichtsberg auf der Karte ausgemacht, auf den man bis zuoberst hinauf fahren kann. Dort angekommen kommen wir ins Gespräch mit dem Waldbrandwächter, der hier oben seinen Dienst tut. Wir fragen ihn nach einem geeigneten Stellplatz an diesem Bergkamm (Wo ist es flach hier?). Rasch hat er seine Empfehlung abgegeben. Wichtig ist ihm aber in der nächsten halben Stunde vorallem, dass er uns – er ist Baske – erklären kann, was es geschichtlich mit Navarra, den Basken, dem spanischen Bürgerkrieg, dem König, General Franco und und und auf sich hat. Wir klauben unsere letzten Konzentrationskräfte zusammen, um ihn einigermassen zu verstehen und seinen Argumentationen folgen zu können. Später geniessen wir von unserem Camp aus nochmals den umfassenden Überblick über den Yelsa Stausee, die Windräder auf den Bergrücken und die Lichter, die aus den Dörfern zu uns heraufstrahlen.

 

Nach vielen Kilometern Asphalt ist es wieder an der Zeit, eine Piste zu fahren. Bei Roncal biegen wir gemäss Empfehlung des Guia Toyota ab. Doch wieder einmal Fehlanzeige. Wir umfahren das Gebiet und finden eine Piste, die nicht gesperrt ist und zu einer Einsiedelei führen soll. Diese können wir aber nicht ausmachen und kommen so immer tiefer ins Tal hinein und zuletzt auf einen Bergrücken, wo unser GPS bestätigt, dass wir auf der Piste sind, die im andern Tal gesperrt war. Das heisst, wir sind auf der Route des Guia Toyota. So haben wir unseren Schotter durch die Hintertür doch noch gefunden. Und bei der Ausfahrt aus dem Wald im nächsten Dorf ist nichts von einer Sperrung in die Gegenrichtung zu erkennen. Wir vermuten, dass es vor allem dort Sperrungen gibt, wo die Touristenpfade sind. Sobald man etwas von diesen Pfaden abweicht, gibt es keine Sperrungen mehr.

 

Es ist ja schon einige Zeit seit unserem letzten Bike Ausflug vergangen. Nun bietet sich wieder eine Gelegenheit in den Wäldern von Irati, dem grössten zusammenhängenden Buchenwald Bestand Europas. Hier wird gewandert und gebiked. Im Toyota Guide, welcher 5 Jahre alt ist, ist die Route noch als eine elf Kilometer lange Piste, die befahren werden darf, angegeben. Heute umfahren wir die Schranke mit dem MTB.

 

Dann trennen uns nur noch wenige Kilometer vom Atlantik. Interessanterweise hat sich der Stil der Häuser recht stark gewandelt. Wir sind im Baskenland. In den zentralen Pyrenäen trifft man Häuser aus gebrochenen Steinen – ähnlich den Rusticos im Tessin. Hier aber sind die Häuser gepflegt, weiss verputzt und gross. Das hat mit der baskischen Familien- und Wohn-Kultur und Tradition zu tun, wie uns unser Reiseführer wissen lässt.

 

Jetzt ist es geschafft. Wir fahren über den Jaizkibel, den Hausberg San Sebastians und blicken hinunter auf den Atlantik. Später erhaschen wir vom Hügel mit dem Fort Marcus einen Blick auf San Sebastian. Die Stadt besuchen mit einem Offroad Toyota? Nein, auf uns warten 1300 Kilometer Heimweg, auf denen wir das Erlebte langsam einsinken lassen können.